Kolumne

Suche
Impressum
Kontakt


Willkommen

Übersicht

Pressestelle

Literatur im Netz

Eingangsseite

Magazine

Projekte

Autoren

Schreiben

Theorie

Rezensionen

Literatur-Foren

Webringe

Weitere Linklisten

Adressen

Magazin
Übersicht
Literaturführer
juh's Satire
Rezensionen
Surftipps
Artikel
Buchtipps
 

Erosa

Aktuelle Ausgabe

Hinweise für Autoren

 

Tagebau

Der Tag im tage-bau

Das Buch

Archiv

Anmelden

Info

 

Berliner Künstler

Sebastian Czapek

Archiv

  

Interaktiv

Newsletter

Mailingliste

Chat (Mo 20:00)

Forum

Gästebuch

Webcam

Suchen

Downloads
(MP3, EBooks, Interviews) 

  

Die Herausgeber

Sabrina Ortmann

Enno Peter

  

Über uns

Impressum

Kontakt

Presse

Werben im 
BerlinerZimmer 

  
SMILE!
  

Zwischenruf 
aus der Provinz 

No. 3, Januar 2005
(eingereicht im November 2004...)

Von Hella Streicher
www.hoeherewelten.de

Übrigens hat Eberhard Diepgen ein Buch geschrieben

Wer viel fernsieht, hört oft solche Sätze, d.h. er nimmt sie unbewußt wahr, weil ihm vor lauter Fernsehen das Zuhören vergangen ist. Ich sehe nur fern, wenn ich bei meiner Nachbarin bin und der Fernseher läuft. Dies kommt bei ihr täglich vor und auch in den besten Familien. Man will ja schließlich wissen, was in der Welt vor sich geht. In Wahrheit aber will man es nicht wissen. Deshalb sehen die Leute täglich fern, und am nächsten Tag berichten sie ihren Kollegen davon, was sie gesehen haben. Sieht man dasselbe oder das gleiche wie seine Kollegen, so gilt man als einer von ihnen. Sieht man, was alle sehen, mit anderen Augen oder etwas anderes oder gar nicht fern, weil das Gute viel näher liegt, so gilt man als Außenseiter. "Wolfgang", so berichtete mir Anfang der 70er Jahre, als die SPD noch mehr Demokratie zu wagen vorgab, eine Mutter, "kam neulich weinend aus der Schule. Die Lehrerin hatte der Klasse aufgegeben, Sesamstraße zu kucken. Daraufhin sacht er, wir hätten keinen Fernseher, und die Lehrerin sacht, dann dann mußt du eben zusehen, daß du woanders fernsiehst. Extrawürste bei den Hausaufgaben gibt es nicht. Und stell dir vor, neulich seh ich die Kinder in der Sandkiste spielen, die von nebenan reißt ihr Küchenfenster auf, und was ruft sie ihrem Sohn zu? Stefaaan, Sesamstraße! ruft sie."

Wenig später wurde, wie ich hörte, die 68er-Pädagogin Vorsitzende der örtlichen GEW, und Wolfgang hat auch ohne Fernseher sein Abitur, sein Studium und seine Promotion als Chemiker geschafft, jedoch mangels Planstellen an der Universität einen Job als Pharmareferent bekommen. Einerseits traurig, dachte ich, andererseits aber gut. Pharmareferenten müssen nicht täglich in ein Labor oder ein Büro oder einen Laden, wo sie mitreden oder aber für ihre Kollegen mitarbeiten müssen, weil die den halben Tag lang übers Fernsehen reden, vielleicht auch über ihre Familie, aber das kommt aufs gleiche raus. Redet man mit oder arbeitet man schweigend für seine Kollegen mit, so gilt man als guter Mitarbeiter. Extrawürste gibt es nicht. Man muß eben mit den Wölfen heulen, auch wenn man nicht Wolfgang heißt. Das aber ist leichter gesagt als getan. Die Wölfe wissen genau, wer ein Mitwolf ist, also ein guter Mitarbeiter, oder nur ein Steppenwolf, dem keine Vorstellung verhaßter und grauenhafter ist als die, ein Amt ausüben, eine Tages- und Jahreseinteilung innehalten, anderen gehorchen zu müssen. Denn wer die Macht hat, anderen befehlen zu können, oder sie sich herausnimmt und gern ausübt, hat sie auch nötig, weil er nichts anderes hat. Also übt er sie besonders gern über jene aus, die nicht nur keine Macht haben, sondern auch keine haben wollen: weil sie etwas haben, das nicht für Geld zu haben ist. Früher, als noch bekannt war, daß es etwas anderes gibt als äußeren, nannte man es inneren Reichtum.

Daß ich innerlich reich sei, habe ich zum erstenmal 1971 gehört, und ich wußte nichts damit anzufangen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß es so etwas geben könnte wie jene innere Leere, von der einigen Kritikern zufolge die Romane und Erzählungen unserer Jungschriftsteller erfüllt sind. Man kann doch nicht nichts denken und nicht nichts fühlen, dachte ich, bis ich die Menschen kennengelernt und begriffen hatte, daß ich stets ein Objekt ihres Neides gewesen war, weil sie nicht hatten, was ich hatte und so selbstverständlich hatte, wie ich glaubte, alle hätten es. "Du bist bekannt wie ein bunter Hund", sagte meine erste Klassenlehrerin auf dem Gymnasium. "Sie sind eine bunte Elster unter lauter schwarzweißen", sagte mir dreißig Jahre später mein Abteilungsleiter. Beide sagten es sehr giftig; doch ich empfand es als Auszeichnung: wollte ich doch schon als Kind niemand anders sein als ich. Gleichzeitig empfand ich es als deprimierend; denn ebenfalls schon als Kind wollte ich, daß alle anderen niemand anders seien als sie selbst. Gleichzeitig ahnte ich bereits, was ich später in klugen Büchern bestätigt fand: daß die allermeisten Menschen nicht nur gar nicht sie selbst sein können, sondern es auch gar nicht wollen oder wollen wollen. Heute weiß ich es. Und ich weiß auch, weshalb all die klugen Bücher nicht nur vom Faschismus handeln. So schrieb Erich Fromm 1941: 

Die Nachricht von der Bombardierung einer Stadt und vom Tod Hunderter von Menschen wird schamlos breitgetreten oder von einer Reklamesendung über eine Seifen- oder Weinmarke unterbrochen. Der gleiche Sprecher mit der gleichen suggestiven, einschmeichelnden Stimme, deren er sich eben noch bediente, um uns über den Ernst der politischen Lage aufzuklären, drängt sich jetzt dem Zuschauer mit der Anpreisung eines bestimmten Waschmittels auf, deren [sic] Hersteller den Werbefunk dafür bezahlt. In der Wochenschau folgt auf die Bilder torpedierter Schiffe eine Modenschau. Die Zeitungen räumen den läppischen Ideen und Eßgewohnheiten einer Debütantin den gleichen Raum ein und berichten mit dem gleichen Ernst darüber wie über Ereignisse von wissenschaftlicher oder künstlerischer Bedeutung. Aus allen diesen Gründen haben wir zu dem, was wir hören, keine echte Beziehung mehr. Wir regen uns nicht mehr darüber auf, unsere Gefühle und unser kritisches Urteilsvermögen werden beeinträchtigt, und wir werden gegen das, was in der Welt vorgeht, immer gleichgültiger. Das Leben verliert im Namen der "Freiheit" jede Struktur. 

Bereits die Anführungsstriche verraten, daß der alte Europäer und lebensfromme Neopsychoanalytiker den American Way of Life nicht als Weg in die Freiheit verstand, sondern als Weg in eine neue Form von Sklaverei. "Die Verzweiflung des automatenhaften Konformisten ist ein fruchtbarer Boden für den Faschismus", heißt es mahnend und warnend in seinem Buch Escape from Freedom, dessen deutsche Übersetzung Die Furcht vor der Freiheit betitelt ist. Daran ließe sich manch ein Gedanke knüpfen; doch damit will ich mich an dieser Stelle nicht aufhalten. Genug, daß wir in einer Gesellschaft leben, die weder das Nazi- noch das DDR-Spießertum oder das verarbeitet hat, was Emigranten wie Erich Fromm, die Intellektuellen der Frankfurter Schule oder auch Thomas Mann in seinen Briefen und Tagebüchern über den American Way of Life geschrieben haben. Dieser war das kleinste Übel, es hat gesiegt, alle begannen positiv zu denken, und nun haben wir in Deutschland einen Allparteienkonformismus, der sich aus noch lange nicht versiegten braunen Quellen speist und aus gleichgeschalteten TV-Kanälen, worin Promis, die übrigens ein Buch geschrieben haben, wie die Kacke in der Kloake schwimmen.

Daß auch Eberhard Diepgen ein Buch geschrieben hat, habe ich gestern bei meiner fernsehenden Nachbarin mitbekommen, und es stört mich nicht. Was mich stört, ist nur, daß Eberhard Diepgen es, so die Moderatorin, übrigens geschrieben hat: als ließen sich Bücher, worin etwas steht, das zu lesen sich lohnt, mal eben so nebenbei schreiben, wie man mal eben so nebenbei verschwindet, sein tägliches Geschäft verrichtet und einiges an wertvollem Papier mit seinen Exkrementen besudelt. Dies muß sein, jenes nicht. Bücher, die übrigens geschrieben worden sind, sollten nicht gedruckt, zumindest aber nicht gekauft und schon gar nicht gelesen werden: es sei denn, der Verfasser hätte (was darauf schließen ließe, daß er etwas zu sagen hat) dagegen protestiert, als einer hingestellt zu werden, der übrigens ein Buch geschrieben hat. Unsere Promis aber protestieren nicht; denn sie wissen genauso wenig wie die Talkshow-Moderatoren, die übrigens auch alle ein Buch oder sogar mehrere geschrieben haben, wie es ist, wenn man nicht übrigens schreibt, sondern neben der täglichen Brotarbeit und den Gesprächsversuchen mit jenen, die weder klar sehen noch hören können, schreiben muß, um sich inmitten der allgemeinen Verblödung seinen inneren Reichtum zu bewahren, sein Menschsein oder auch: sein Leben als bunter singender Außenseiter unter all den schwarzweißen keckernden diebischen Vögeln.

PS. Übrigens war ich neulich bei der Agentur für Arbeit, wo man mir nahegelegt hat, ich solle mich mangels gutbezahlter Stellen für Geisteswissenschaftlerinnen wie mich doch noch dieses Jahr um einen Ein-Euro-Job kümmern, weil ich mir jetzt noch einen aussuchen könne, etwa als Hilfskraft in einer Schulbücherei, nächstens Jahr jedoch jeden beliebigen annehmen müsse. Unter diesen Umständen freue mich schon auf 2005 und darauf, eine bunte Elster unter lauter schwarzweißen sein und nach meinem ersten ein weiteres jener Bücher zu schreiben, die nicht übrigens geschrieben und dementsprechend auch von keinem Verlag angenommen und in keinem Feuilleton und keiner Büchersendung besprochen werden. Denn wo kämen wir hin, läse man plötzlich wieder Bücher, die nicht nur übrigens geschrieben wurden? Schließlich sollen wir freudig den materiellen Reichtum anderer mehren anstatt zu denken und zu fühlen, daß unsere Freiheit nur darin besteht, einander Freiheit vorzugaukeln. Übrigens hat auch Joachim Gauck ein Buch geschrieben.

PPS. Übrigens stehen uns zwei Jubiläen bevor: Thomas Manns 130. Geburtstag und sein 50. Todestag. Würde der Literaturbetrieb nicht Wälder abholzen, um uns mit weiteren Thomas-Mann-Ausgaben und Gedenkbüchern über die Leere der Siebzigerjahrekinderprosa hinwegzutäuschen, so würde kaum jemand das Jahr 2005 als ein besonderes wahrnehmen; denn daß Thomas Mann gelebt und geschrieben hat, ist, wohin ich auch höre und sehe, nirgendwo zu spüren.

PPPS. Übrigens hat Thomas Mann nicht übrigens geschrieben.

 

Mehr von Hella Streicher 
finden Sie in ihrem Weblog "Paperback Fighter":
http://hoehereweltenblog.twoday.net/ 

Roman Höhere Welten

 

  

VERLAG

Geschichte und aktuelle Entwicklung der digitalen Literatur

Mein Pixel-Ich

Ein literarisches Online-Tagebuch: Mein Pixel-Ich

Newsletter


Mailingliste


Suchen


Buch 
des Monats

Schreiben

Handbuch für Autorinnen und Autoren
von Sandra Uschtrin, Michael J. Küspert


 Rezensionen


 

 Home, sweet Home
Copyright Sabrina Ortmann und Enno E. Peter 1998-2004
Impressum
Kontakt:
info@berlinerzimmer.de