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Zwischenruf 
aus der Provinz 

No. 2, September 2004

Von Hella Streicher
www.hoeherewelten.de

Bremer Bücklinge

Im September 1980, als ich, geboren und aufgewachsen in Bremen, noch zwischen Göttingen und Hannoversch Münden lebte und gerade dabei war, meine im August geschriebenen Mauerstadtgedichte zu dem punkigen Bändchen Berlinmusik zu kompilieren, schrieb mir eine jüngere Freundin aus Berlin: "Bremen ist eine Stadt für Fixer, Säufer und Rentner, oder einfach gesagt: Bremen ist eine Stadt für verkrachte Existenzen. Alle warten den ganzen Tag und die ganze Nacht, daß etwas passiert, daß sich was an der Situation verändert, aber niemand kommt auf die Idee, daß es vielleicht an einem selbst liegt, wenn die Umgebung einem trostlos, langweilig und frustrierend erscheint. Ich habe mich ungefähr zwei Jahre lang von dieser Mentalität einfangen lassen und bin nun zu dem Schluß gekommen, daß nur ich selbst etwas ändern kann, also gehe ich von Bremen weg und mache was anderes." Der junge Herr Lehmann sagt es kürzer: "Laß uns bloß abhauen aus dem Puff hier."

Wer Neue Vahr Süd gelesen hat, der weiß, daß Frank und Wolli und all die andern gut daran getan haben, Bremen zu verlassen: eine gesichtslose Stadt am Fluß, in der nichts fließt als Bier, das wie Bauarbeiterpisse schmeckt, und dazu passende Wortschwälle gesichtsloser junger Männer, die sich in Hippieläden wie dem Storyville oder dem Why not oder an der Weser mit ihresgleichen treffen, über K-Gruppen oder die Bundeswehr reden und, wenn sie's auf eine Sibille abgesehen haben, ihr bloß in vermufften Restaurants wie dem Dubrovnik Avancen machen können, wobei sie kläglich scheitern müssen; denn auf Bremen reimt sich lähmen. Alles so scheußlich grau hier: die Straßen, die Häuser, die Menschen. Bremen? Eine Plage: Kaserne, Stumpfsinnstage. Wer dort bleibt, muß sich schämen. Also weg aus Bremen!

Danach ist auch mir, seit ich von manchen meiner Mitbürger lese oder höre, wie präzise Sven Regener das hiesige Szeneviertel beschrieben und dessen Atmosphäre zu Beginn der 80er Jahre eingefangen, ja sogar - wie die Bildzeitung behauptete - eine "Liebeserklärung an Bremen" verfaßt habe. Doch an welches Bremen? An ein Provinznest in Georgia, Indiana oder Ohio? An die Hansestadt mit ihrem Kopfsteinpflaster und den Stuckfassaden, Ursprungsort des Beat-Club, einst Wahlheimat der größten Schauspieler und Regisseure, das Bundesland mit dem kleinsten und feinsten Sender und Deutschlands erstem und bestem Programmkino gleich über der versifften WG des Vahraonen Frank? Oder eine Liebeserklärung an eine jener Projektionen, die nur im Kopf all derer existieren, die 1980 lieber Peter Frampton als Punk/Wave gehört und nachts lieber im Bett als im Römer oder in der Lila Eule waren?

Frank Lehmanns Szeneviertel erscheint mir so unwirklich wie sein deprimierender Sommer 1980 oder die Entscheidung seines Erfinders, sich gegen die Chronologie der laufenden Ereignisse zu stellen. Denn das Rekrutengelöbnis im Weserstadion fand schon am 6. Mai statt, nicht erst am 5. November, der 1980 auch ein Mittwoch war, kein Donnerstag. Der Bremer Freimarkt findet - anders als im Text - traditionsgemäß von Mitte bis Ende Oktober statt; und einen Likör namens "Busengrapscher" gab es 1980 noch gar nicht. Stattdessen aber gab es im Sommer die Moskauer Olympiade, die Demos an der Startbahn West, überall besetzte Häuser, den Bombenanschlag in Bologna, Solidarnosc in Polen, im Herbst Reagans Wahlkampf, die Entmachtung der "Viererbande" und als Soundtrack zu alledem jede Menge allseits bekannter Hits von ABBA bis Zappa, von den neuen düsteren Tönen speziell aus England nicht zu reden. Doch in Sven Regeners Romangestalten, ob K-Gruppen-Mitglied, Punk oder Rekrut, finden sie unerfindlicherweise keine Resonanz, und so laut die Musik auch aus einem der WG-Zimmer dröhnt: es ist still und stumm um Frank und seine Kumpels herum. Sie alle vegetieren autistisch dahin, kennen nicht einmal Ideals Ich steh auf Berlin, geschweige denn Textzeilen wie Keine Atempause / Geschichte wird gemacht, es geht voran oder Es liegt ein Grauschleier über der Stadt / den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat: Verse, die von einem Bremer stammen könnten, jedoch nicht einmal gehört oder zitiert werden, als Frank und Wolli sich endlich auf der Flucht in die Mauerstadt aller Kebabträume befinden und Lehmann "ordentlich auf die Tube" drückt.

Dies ist erstaunlich, denn mir ist 1980 kein einziger Mensch begegnet, der so hoffnungslos daneben gewesen wäre wie Frank Lehmann, seine Kumpels und seine Bundeswehrkameraden; nicht einmal jene Rekruten, mit denen ich damals auf einem Eilzugtrip durch die norddeutsche Provinz geredet, getanzt und gesoffen habe, und auch nicht die allerersten Vegetarier oder Bhagwanesen in der allerletzten Göttinger Psycho-WG. Gerade die Schlaffis von damals nämlich fanden Another Brick in the Wall ganz toll. Die 80er Jahre brachen an, der Sommer war voller Musik, und alles, was jung und nicht völlig vernagelt war, feierte oder fürchtete den Beginn einer neuen Zeit. Tanz auf dem Vulkan, so nennen wir das, hieß es bei Hans-A-Plast aus Hannover.

Daß in Sven Regeners Roman nichts davon zu spüren ist, wundert mich sehr. Er müßte es besser wissen. Allerdings wundert es mich nicht, daß die allermeisten Rezensenten und erstaunlich viele Leser in "Neue Vahr Süd" den überdrehten Sound der späten 70er und der frühen 80er absolut nicht vermissen. Gar zu viele, die damals so jung waren wie der Autor und sein weltfremder Protagonist, haben in der Zwischenzeit alles vergessen, um Karriere oder Kinder oder beides machen zu können, und lachen und kichern über alles, was sie schemenhaft an jene Zeit erinnert, da sie einerseits den roten Zwergenaufstand probten oder die Graswurzelrevolution, andererseits jedoch bei Muddi inne Sdube saßen und Kohlrouladen oder Schweinebraten aßen. (Typische Bremer Sbeisen wie Knipp, Labskaus oder Kohl & Pinkel gibt es bei Sven Regener nicht. Dafür aber eine schöne Szene in einem Fischgeschäft.)

Ich hatte damals keine Eltern mehr und bereitete meinen Umzug nach Bremen vor; denn wir hatten, wie so viele punk- und wavebegeisterte Bremer, 1979 eine Band gegründet, und wir übten im Bunker an der Georg-Bitter-Straße, der (anders als der Straßenname) nicht in Sven Regeners Buch vorkommt. Die Band bestand neben mir, der Drummerin, aus drei Ex-Genossen der Roten Hilfe e.V.: einem Werftarbeiter an der Leadgitarre, einer Verwaltungsangestellten am Baß und einem schüchternen Jüngling an der Rhythmusgitarre. Er war ein wunderlicher Einzelgänger, Typ Herr Lehmann, und gerade beim Bund. Die Frau, an die er damals so wenig herankam wie Herr Lehmann an seine Sibille, habe ich eingangs zitiert. Ihr Brief allerdings trägt einen Stempel aus London, und er handelt nicht von der Bremer, sondern von der Berliner Szene. "In London ist es ganz anders", heißt es darin weiter. "Die Punks leiden nicht unter verbissener Langeweile und neurotischer Frustration; wenn sie weggehen und sich eine Gruppe ansehen, haben sie ihren Spaß dabei und lachen auch, was unter den Berliner Punks verpönt ist." Nun endlich dürfen sie und ihre einstigen Mitpunks das Versäumte nachholen; denn, so die auf dem Buchumschlag zitierte Sonntagszeitung: "Frank Lehmann - das sind ja wir!"

Ich war und bin nicht Frank Lehmann, und ich möchte auch nicht mit ihm tauschen. Nur manchmal hadere ich mit mir; so auch seit einigen Wochen. Ich hätte ebenfalls nach Berlin gehen und dort Musik machen und dann einen Roman schreiben und darin meine Heimatstadt als graues Provinznest schildern sollen, aus dem es nur einen Ausweg gibt: die Flucht nach Berlin. So etwas kommt immer gut: bei den dortigen Verlagen, bei den wenig selbstbewußten Bremern und bei allen, die sich ähnlich minderwertig fühlen. Doch mir ist Bremen an der Weser nie länger als für ein paar müde Tage trostlos, langweilig und frustrierend erschienen. Dies allerdings könnte sich ändern; denn es ist zuweilen äußerst mühsam, in einer Stadt zu leben, die Kulturhauptstadt Europas werden will, sich aber insgeheim noch immer durch den Grauschleier der Depression betrachtet: als ein Dorf voller Trottel, aber immerhin nicht ohne Straßenbahn.

So wird Bremen von seinem derzeitigen Star-Autor gesehen; doch Bremen scheint nicht zu merken, daß sein Name binnen weniger Wochen zu einem Synonym für "Provinz" geworden ist. Hauptsache, die Hansesdadt wird nach dem Absturz des Space Park endlich einmal wieder n büschen positiv wahrgenommen, wenn auch nur als die Geburtsstadt des beschränkten Herrn Lehmann, der jedoch verwegen genug ist, es seinem Bruder gleichzutun und ihr für immer den Rücken zu kehren. Kurz vor seiner Abfahrt zeigt sich, daß er dies als Bremer tut: ist er doch endgültig enttäuscht von seiner Heimatstadt, weil er dort nicht einmal mehr einen Bückling kaufen kann. Denn auch Fischhändler in der Neuen Vahr Süd gehen mit dem Trend: "Die Leute nehmen jetzt lieber geräucherte Makrele."

Inzwischen gibt es hier längst wieder Bücklinge zu kaufen; und nun auch Sven Regeners Roman, der "doch sehr lokal bezogen" ist. Dies jedoch sagte ein Bremer Kulturoffizieller nicht etwa über Neue Vahr Süd, ein "Sittengemälde der achtziger Jahre" (Weser-Kurier, 16. September 2004), sondern über mein "Sittengemälde hauptsächlich der neunziger Jahre" (taz Bremen, 5. Mai 2003), nachdem er ein paar kopierte Seiten eiligst "überflogen" hatte. Das war im Juli dieses Jahres. Nun ist es September, und Bremen ist nicht aus eigener Kraft, sondern wieder einmal via Berlin in die Feuilletons gelangt und hat erreicht, was es schon vorher hätte haben können: es ist zum allseits bekannten Literaturschauplatz geworden - Grund genug für mich, nun erst recht in dieser Stadt zu bleiben und hier etwas zu ändern. Denn es gibt keine Provinz. Es gibt nur provinzielles Denken. Und das ist in Bremen leider sehr verbreitet; vor allem bei jenen, die Bremisches nur dann für wichtig oder gar für welthaltig halten, wenn es nicht von gebürtigen oder nicht von Bremern stammt, die noch in Bremen leben. Nur dann ist das offizielle Bremen mächtig sdolz; zumal wenn es sich bei dem Autor um einen seiner verlorenen Söhne handelt. Es beehrt ihn, wenn er einmal zu Besuch ist, mit so vielen Bücklingen, daß er schleunigst wieder diese Stadt verläßt und dabei ordentlich auf die Tube drückt.

 

Mehr von Hella Streicher 
finden Sie in ihrem Weblog "Paperback Fighter":
http://hoehereweltenblog.twoday.net/ 

Roman Höhere Welten

 

  

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