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Hella Streicher

Zwischenruf 
aus der Provinz 

No. 1, Juni 2004

Von Hella Streicher
www.hoeherewelten.de

Ich bin kein Berliner, und das ist gut so

Das Berliner Zimmer ist so alt wie die rotgrüne Berliner Regierung; doch anders als in den Politikerreden findet sich hier noch immer Erfreuliches: nun diese Kolumne, in der ich schreiben darf, was mir einfällt oder auch nicht. Zum etablierten Literaturbetrieb fällt mir meist gar nichts ein, was mich nicht ausfällig werden ließe. Böse Zungen behaupten, es liege daran, daß ich in einem Provinznest namens Bremen lebe, dessen bekannteste Kulturrepräsentanten mehr in den Beinen haben als im Kopf, und ich daher bloß neidisch sei auf die Berliner. Jenes ist wahr, dieses nicht. Denn viele Berliner sind, wie Herr Lehmann, gar keine Berliner, sondern tun nur so als ob, weil sie, anders als Herr Lehmann, unbedingt groß rauskommen wollen. Als Autoren schreiben sie Berliner Geschichten und als Toren Berliner Geschichte, und alles ist gleichermaßen kleinkariert. Denn, so spottete einst Kurt Tucholsky: "Berlin spielt Klein-New York, und wenn auf dem Kurfürstendamm zwei Amerikaner ihren Koffer abgestellt haben, dann platzt die Stadt vor Stolz."

Aber das war einmal. Inzwischen haben die Deutschen vieles von den New Yorkern gelernt und sind zuweilen amerikanischer als die Fake-Amerikaner. Andere wiederum sind berlinerischer als die Berliner, weil sie während ihrer Pubertät in der Pampa Nena & Nina angehimmelt, jede Menge Berliner Geschichten voller Verlorenheit & Wohngemeinschaftsmief verschlungen und hinter Mamas Rücken darauf gelauert haben, nach dem "Abi" das Berliner Szeneleben studieren zu können. Doch Berlin ist nicht das höchste ihrer Ziele. "›Wie‹ New York wollen sie sein", höhnte Kurt Tucholsky 1929. "Und ›wie‹ Paris. Und wie ich weiß nicht was alles - statt erst einmal sie selber zu sein, wobei eine Menge zu gewinnen und wenig zu verlieren wäre."

Ich wollte nicht nur "erst einmal" ich selber sein, sondern es auch bleiben. Und deshalb wird meine Kolumne auch keine 'Berliner' Kolumne sein, sondern nur die Kolumne einer Bremerin, die sich ihres Nichtberlinertums nicht schämt. Dies zu tun wäre auch unnötig. Denn die Nichtberliner sind, anders als die hip herumhopsenden Wahlberliner, die ich "Fake-Berliner" nenne, die wahren Berliner, die ich "Wahrberliner" nenne, weil ich gern mit Worten spiele und sie so bodenständig sind wie die im Aussterben begriffenen Urberliner. Sie spielen nicht "Klein-New York" und schreiben keine Texte, die von nichts anderem handeln als nur von dem, was die Fake-Berliner für Berlin und berlinerisch halten: das Getue um die Metropole und deren Metropoliten; kurz: die Metropolitis™. Diese sei, so schrieb Tucholsky, "eine Flucht" und "durchaus kein Sieg unserer Gedanken - in Berlin sind die Fliehenden recht ungefährlich, man läßt sie machen". Deshalb riet er den Wahlberlinern, sie sollten "viel mehr [er meinte wohl: öfter] in die Provinz fahren": "als Lernende, nicht etwa als Belehrende; als Nehmende und als Gebende, ohne Großstadt-Hochmut". "Wo seid ihr -?" rief er den verkoksten Bohemiens entgegen, während ein 50jähriger Berliner "Nervenarzt" einen Berlinroman schrieb, der bis ans Ende aller Literaturtage unübertroffen bleiben wird; denn ein Manuskript wie seines gälte heutzutage jedem Lektor als das wirre Konvolut eines größenwahnsinnigen Hobbydichters und käme postwendend zurück. Die Prosa in den Zeiten der "Berliner Republik" und des Marketingeling muß so simpel sein wie ein MTVideoclip zur besten Sendezeit oder ein Wahlspot der Schröder Roadshow. Und sie muß von Berlinern mit "Connections" stammen oder von Quartalsberlinern mit Studienplatz am DLL. Das erspart den Verlagen eine Menge Kosten. "Warum laßt ihr die Freunde im Lande allein?" rief Tucholsky, dem "Effizienz" noch kein Begriff war. "Warum läuft sich vieles tot, was ihr in Berlin macht, in Berlin, wo ihr immer dasselbe Publikum habt, eines, das viel, viel kleiner und ganz bedeutend einflußloser ist als ihr denkt? Wo bleibt ihr -? Wo seid ihr -?"

Fünfzehn Jahre nach dem Mauerfall ist diese Frage berechtigter denn je. Wo sind all die vielen jungen Leute, die wie einst Klaus Mann nach Berlin gezogen sind, um dort oder zur Not auch noch in Leipzig "kreativ" zu schreiben? Die meisten scheinen nur um sich selbst zu kreisen; und was dabei herauskommt, ist eine Adoleszentenprosa, die nicht "knapp" und "präzise" ist und schon gar nicht originell, sondern bloß anämisch. "Ich glaube, daß sich nur bei Vereinzelten noch Enthusiasmus für die Wichtigkeit und die Notwendigkeit des Buches findet. Andere Dinge sind es, die im Vordergrund stehen", schrieb Klaus Mann im Vorwort zu seinem kleinen Berlinroman "Der fromme Tanz". "Vielleicht hat diese Generation kein für sie eigentlich charakteristisches Werk hervorgebracht aus dem einfachen Grunde, weil, allem Anschein zum Trotz, kein Bedürfnis in ihr ist nach einem solchen Werk." Weiter heißt es bei Florian Illies: "Wenn wir dürften, dann würden wir unser ganzes Leben so führen wie die fröhlichen jungen Menschen, die am Rande der Südsee mit Bacardi-Rum eine Baumhütte bauen, immerzu lachen und fröhlich sind."

Zwar bezweifle ich, daß man mit Bacardi-Rum eine Baumhütte bauen könnte; doch daß fröhliche Menschen fröhlich sind, ist mir durchaus einsichtig. Ebenso gut kann ich nachvollziehen, daß fröhlichseinwollende junge Menschen kein Bedürfnis nach einem "Werk" über ihre Generation verspüren; denn "Werke" (so lehrt sie der Deutschunterricht) taugen nicht als Strandlektüre und nicht als Pausenfüller zwischen zwei "Events". Zudem (so dämmert es dem Sesamstraßenkind, wenn es sich als Autor versucht) macht Kunst viel Arbeit, aber wenig Geld. "Ich will Kohle, die Verlage wollen Kohle, die Journalisten wollen Kohle, und die Leser wollen verkohlt werden", weiß das besonders schlaue Sesamstraßenkind. Also reicht es, "aus dem Bauch heraus" etwas zu schreiben, was Harald Schmidt "selber gern geschrieben hätte" oder wovon Burkhard Spinnen sagt: "Still zittern die letzten hiesigen Umbrüche in den Geschichten." Niemand hat dies so gut begriffen wie Benjamin von Stuckrad-Barre, der haltlose son of a preacherman, und Judith Hermann, die Virginia Woolf der "Generation Golf"; und niemand hat sich so über ihre Bücher gefreut wie all die alten Leute, die schon immer wissen wollten, wie es sich anfühlt, jung zu sein in der "Berliner Republik", es aber nicht zu fragen wagten. Als die Kohl-Ära besiegt schien, begannen sie zu ahnen, wovon Burkhard Spinnen meinte, es könne "schon einem Vierzigjährigen als unbekannt und unerhört erscheinen". Recht hatte er. Die meisten Vierziger ähneln ihren Eltern, denen alles "unbekannt und unerhört" erschien, was die Blagen zur Punkzeit trieben. Verzeihlich ist es also, daß jene, die mit 40 ihre zweite Pubertät erleben, sich durch den "Sound einer neuen Generation" an ihre erste erinnert fühlen und alles erstmal ganz "verstörend" finden, um sich dann sentimental mit den Jüngeren zu verbünden oder sie voller Abscheu vor der eigenen Pubertät zu verdammen. Lukrativ ist beides; denn man kann lange Feuilletonartikel und auch Sachbücher darüber schreiben. So haben alle was davon. Und wenn keiner merkt, worum es in den Texten der Jungautoren wirklich geht, nicht einmal deren Verfasser, dann haben alle auch sehr lange was davon, während die Neue Deutsche Leere um sich greift und es Nacht wird in der "Berliner Republik".

Doch die Sonne des Geistes ist nicht völlig verschwunden, solange es noch ein Berliner Zimmer gibt, worin man nicht beteuern muß, man sei ein Berliner, sondern sogar sagen kann, es sei besser, in der Provinz zu bleiben und über sie zu schreiben; denn dem, der wache Sinne hat, ist alles "welthaltig". Erst wenn auch die Autoren und Verlage wache Sinne und begriffen haben, daß Kultur nicht nur von internationaler, sondern auch von nationaler und regionaler Vielfalt lebt, wird Berlin mehr sein als nur "Klein-New York": eine Hauptstadt mit Hirn und offenen Augen und Ohren. Es wird eine geistiges Zentrum sein, das nicht mehr an Metropolitis krankt; eine europäische Metropole, über die Klaus Mann im "Wendepunkt" geschrieben hat: "Es ist ihr Genie und ihre historische Funktion, die Stimmungen und Tendenzen, die in der deutschen Luft liegen, aufzufangen und zu absorbieren, sie dramatisch auf die Spitze zu treiben. Berlin ist das Hirn, in dem die Emotionen und Intuitionen, die Sehnsüchte und Ressentiments des deutschen Volkes mit wissenschaftlicher Exaktheit und journalistischem Schmiß formuliert werden. Die Metropole kreiert nicht: sie repräsentiert."

 

Mehr von Hella Streicher 
finden Sie in ihrem Weblog "Paperback Fighter":
http://hoehereweltenblog.twoday.net/ 

Roman Höhere Welten

 

  

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