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Zwischen Overground 
und Underground

Martin von Arndt

Das Berliner Zimmer im Gespräch mit Martin von Arndt, 32, Schriftsteller, Musiker und freier Dozent


BeZi: Seit wann sind Sie literarisch tätig und warum schreiben Sie?

Martin von Arndt: Als Schreibender begreife ich mich eigentlich schon seit dem sechzehnten Lebensjahr, aber erst vor vier Jahren habe ich auch die Basis für eine professionellere literarische Tätigkeit legen können. Schreiben ist, wie bei den meisten Schreibenden, auch für mich eine innere Notwendigkeit. Ich arbeite meine ganze Lebensunter- und -überforderung darin auf, ohne mich in Persönlichem oder Biographischem verlieren zu wollen. Na ja, immerhin haben mir die zwei Formen künstlerischen Ausdrucks, zu denen ich mich hingezogen fühle, neben dem Schreiben noch die Musik, schon mehrfach das Leben gerettet. Selbstausdruck hält eben doch oft davon ab, sich im Alter von 25 oder 35 oder 45 Jahren das Hirn oder die Leber wegzuschießen.

BeZi: Gibt es eine Message, die Sie mit Ihren literarischen Arbeiten den Lesern vermitteln möchten?

MvA: Im engeren Sinne nicht. Natürlich hält jeder Text seine eigenen "Messages" bereit und, so muß ich es sagen ... natürlich bin ich auch ein politischer Mensch, aber für eine Sache oder womöglich gar eine Ideologie mich so einzusetzen, dass ich sie als Message in meiner gesamten Arbeit vertreten möchte, das liegt mir fern. Vielleicht bin ich dazu auch einfach noch zu jung .... und unreif.

BeZi: Können Sie von Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit leben?

MvA: Ja und nein. In den letzten Monaten konnte ich von den Preisgeldern und Stipendien durchaus leben, aber nur, weil ich ein so überaus anspruchsloser Mensch bin... Na ja, ich muß einfach wie die meisten Kollegen und Kolleginnen arbeiten gehen, nur dass ich - im Gegensatz zu vielen anderen, die sich noch nicht "entschieden" haben für die Kunst - weniger auf die berufliche Karriere setze, um mir zeitlich und mental Freiräume zu erhalten für die künstlerische Arbeit. Ich schreibe gerade an einem Roman, der tägliche konzentrierte Arbeit erfordert, so dass wenig Raum bleibt für anderes. Und unterm Strich eben auch kein Geld. Aber das Schreiben sichert mir doch wenigstens das absolut Lebensnotwendige.

BeZi: Seit wann sind Sie mit Ihrer Homepage im WWW vertreten und was können Ihre Leser dort finden?

MvA: www.vonarndt.de existiert seit Ende 1999. Zu finden sind zunächst eine Auswahl meiner Texte, darunter Lyrik, Kurzprosa, Kurzgeschichten, Satiren, Theaterstücke und die eine oder andere essayistische Arbeit; dann Lesungen eigener Texte im MP3-Format, die man kostenlos downloaden kann, sowie E-Books im PDF-Format, ebenfalls zum kostenlosen Download. Es gibt kommentierte Links zur Literatur und zu verwandten Gebieten, kulturpolitische Foren und Meinungsumfragen zum Mitdiskutieren, Lesetipps und Leselisten, ein MP3-Lesungsforum zusammen mit Mone Hartman, eine Seite "Aktuelles", auf der sich wechselnde politische und kulturpolitische Satiren und Blödeleien finden ... na ja, und wer möchte, kann sich auch über mich, meine Bücher und den Fortgang der Arbeit an meinem Roman informieren. Ich glaube, das war´s, was mir so einfällt. Halt, nein, in meinem Gästebuch toben sich regelmäßig auch Spinner und Fußballfans aus, da entstehen derzeit ganz neue Mutationsformen der beseelten Kommunikation.

BeZi:  Welche Gründe gab es für die Erstellung Ihrer HP?

MvA: Bevor ich meine eigenen Seiten programmiert habe, hatte ich mich erst einmal den Seiten meiner Band Printed At Bismarck´s Death verschrieben und konnte feststellen, dass es aufgrund dieses Internetauftritts Resonanz aus der halben Welt gab. Das fand ich so überzeugend, dass ich beschlossen habe, mich auch als Schriftsteller im Netz zu präsentieren. Ich habe den Internetauftritt als gute Möglichkeit gesehen, in engeren Kontakt mit dem Leser und der Leserin zu treten. Im allgemeinen hat man nur auf Lesungen dazu Gelegenheit, und das ist heutzutage auch nicht mehr allzu ersprießlich, weil sich dort niemand mehr so recht traut, über Literatur zu diskutieren. Das Netz hat diesbezüglich eine neue Offenheit geschaffen, die zwar zum Teil auch durch Idioten ausgenutzt und sabotiert, aber durch viel mehr Menschen sinnvoll und interessant gestaltet wird.

BeZi: Gestalten Sie Ihre Web-Site selbst oder in Zusammenarbeit mit Ihrem Verlag?

MvA: Die Gestaltung liegt vollständig in meinen Händen. Dazu kommt, dass ich keinen exklusiven Vertrag mit einem bestimmten Verlag habe, das ist heute auch fast nicht mehr üblich. Meine Erzählungen und meine Lyrik sind bei einem anderen Verlag erschienen als meine Theaterstücke oder meine wissenschaftlichen Bücher. Und dieser Trend zur Spezialisierung wird sicher in den nächsten Jahren noch zunehmen.

BeZi: Sehen Sie auch einen Werbeaspekt in der Site?

MvA: Präsenz eher als Werbung, also: Präsenz zeigen im Netz. Vor allem aber auch: das Netz nicht den verqueren Blödeln, verheerenden Blümchenlyrikern und -lyrikerinnen, und schon gar nicht den Rechtsradikalen oder Kinderpornoringen überlassen.

BeZi: Hat die Web-Site Ihnen auch berufliche Vorteile oder Kontakte als Autor gebracht?

MvA: Berufliche Vorteile im engeren Sinne nicht. Dazu ist diese ganze Literaturbranche entschieden zu konservativ, was bis dahin geht, dass Mitarbeiter bei größeren Verlagen sich nicht als im Netz vertreten outen dürfen. Allerdings ist das Netz hervorragend für den Beginn literarischer Recherchearbeit. Und um Termingeschäfte einigermaßen schnell erledigen zu können, ist auch für einen Schriftsteller das Mailen von ungeheurem Vorteil. Z.B. um Lektoratsarbeit effektiver und kostengünstiger zu gestalten. Ansonsten habe ich aber jede Menge sympathischer und auch guter Kollegen und Kolleginnen über das Netz kennenlernen dürfen und mit einer Erzählung, die im Internet spielt, auch meinen letzten Literaturpreis gewonnen. So gesehen doch ein beruflicher Vorteil. Mehr Nutzen als Vorteil.

BeZi: Hilft eine eigene Web-Site Autoren dabei, bekannter zu werden?

MvA: Das glaube ich nicht. Zumindest nicht im sogenannten Overground. Wie gesagt: das Netz wird dort so gut wie überhaupt nicht beachtet, es kann sogar von Nachteil sein, sich als Netzautor zu outen. Aber natürlich kann man bei einem potentiellen Publikum den Namen plazieren und ihn, im günstigsten Fall sogar mit einem bestimmten Text versehen, in den Gedächtniszwischenspeicher laden. Finanziell wird sich das kaum lohnen. Aber Gott, die Arbeit im Netz macht doch in erster Linie so eine richtig große Menge Spaß...

BeZi: Meinen Sie, Sie finden über Ihren Internet-Auftritt neue Leser?

MvA: Neue Leser bestimmt, neue Käufer nicht, da bin ich längst ganz und gar Realist. Literatur verkauft sich ohnehin nicht wie Bettschuhe im märkischen Winter, und die Motivation, ein Buch direkt vor Ort zu ordern, findet man auch sehr selten. Deshalb habe ich mich rasch entschlossen, Partner diverser Internet-Buchhandlungen zu werden, die eher ein gewisses Vertrauen genießen. Aber neue Leser bestimmt, das bestätigen die mittlerweile doch reichlichen Mails von LeserInnen, die Fragen zu bestimmten Texten aufwerfen oder einfach nur zeigen wollten, daß sie sich amüsiert haben oder geärgert (wie einige MitbürgerInnen aus Saarbrücken) oder berührt worden sind. Und dazu gehören auch LeserInnen, die man klassischerweise einfach nicht erreichen kann über Lesungen, Bücher oder Literaturzeitschriften, also die 15-20jährigen oder die Fußballfans...

BeZi: Erleichtert eine Web-Site einem Autor Ihrer Meinung nach den Kontakt zu seinen Lesern?

MvA: Das allemal. Die Scheu, einen Schriftsteller direkt anzusprechen, ist ja gemeinhin weit verbreitet, und nicht zu verdenken, wenn ich bedenke, wie wenig sozialkompatibel so manche Kollegen und Kolleginnen sind. Die relative Anonymität im Netz erlaubt es, einiges an Scheu abzulegen und sich vor allem auch viel Vorgeplänkel zu sparen und in direkten Kontakt mit Lesern und Leserinnen zu treten. Und vor allem. in sehr sehr intensiven Kontakt, der rasch persönlicher und interessanter wird. Ich glaube, das Netz kann dazu beitragen, die "heilige Scheu" vor dem Künstlerischen zu verlieren und diesen Beruf wirklich mehr als Beruf zu begreifen und nicht als Berufung. Und das wäre für alle ein Vorteil.

BeZi: Wie viel Zeit verbringen Sie mit der Pflege der Seiten?

MvA: Oje, zuviel. Vor allem. in Anbetracht der Tatsache, daß ich noch immer zu wenig Zeit mit meinem Roman verbringe. Aber quantitativ schwer zu sagen, derzeit update ich die Seite zwischen einmal wöchentlich und einmal monatlich, je nachdem, wie sich unsere Politiker und Kulturreferenten so verhalten, das heißt meist reagiere ich damit auf äußeren Anlaß.

BeZi: Teilweise bieten Sie komplette Bücher kostenfrei zum Download an. Warum sind Sie so großzügig? Haben Sie keine Angst, dass die Bücher dann nicht mehr käuflich erworben werden?

MvA: In den Büchern, die ich zum kostenlosen Download angeboten habe, sehe ich nicht gerade heiße Marktrenner, die sich mühelos tausendfach verkaufen ließen. Es handelt sich dabei vor allem um wissenschaftliche Arbeiten, die an sich erst einmal nur ein Nischenpublikum ansprechen. Und ich bin der Meinung, dass gerade in wissenschaftlichen Fragen Informationsfluss und die Zugangsmöglichkeit zu Information vor ihrer Kommerzialisierung stehen sollten.

BeZi: Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft kleine Beträge für die Downloads zu kassieren, wenn es die technischen Möglichkeiten gibt?

MvA: Ich wäre kein Kind meiner Zeit, wenn ich das kategorisch ablehnen würde. Aber dann würde ich darin eine Alternative zu meinen Büchern sehen müssen, sprich: meine Bücher als Downloads anbieten, die dann, Downloadkosten und Bereitstellung, genauso preisgünstig sein müssten wie das gebundene Buch oder allenfalls ein klein wenig günstiger. Es sollte ja auch niemand übervorteilt werden, nur weil er nicht über die Zugangsmöglichkeiten zu diesem Medium verfügt.

BeZi: In einer Ihrer Satiren (10 Tipps: Wie schreibe ich „den Roman“ meiner Generation?) machen Sie sich über eine „Junggenerationsschriftstellerin" lustig. Wie ist Ihr Verhältnis zum Literaturbetrieb und zur aktuellen Literaturszene in Deutschland?

MvA: Zum deutschen Literaturbetrieb habe ich ein gespaltenes Verhältnis, was einfach daher rühren könnte, daß ich nicht zu dieser Schickeria gehöre... . Es wird mir einfach zu viel globalisiert und strategisch hin und her verkauft im Verlagswesen. Der Underground hat Federn gelassen durch die Poetry-Slam-Welle, die mittlerweile sogar Altötting und Sprockhövel erreicht haben soll und die zu einer Nivellierung der Ausdrucksfähigkeiten einiger vor ein paar Jahren noch interessanter Autoren und Autorinnen beigetragen hat. Im Overground wird allzu viel gequirlte Scheiße zu hoch dekoriert, vor allem Scheiße zu junger und zu schnell den Bodenkontakt verlierender Schreiber. Außerdem kotzt mich die Kulturmafia an, die Deutschland unter ihrer Fuchtel hat. Wer nicht Söhnchen oder Töchterchen eines im Verlagswesen beheimateten Elternteils ist, tut sich schwer, irgendwohin zu gelangen. Allgemein regiert bei uns die Kulturbourgeoisie, das heißt über 80 Prozent der Stellen im Kulturbereich werden besetzt von Sprößlingen aus dem gehobenen Bürgertum. Ohne Vitamin B geht in der Literaturszene nicht viel, ob nun Preise vergeben werden oder Stipendien, Buchmanuskripte angenommen oder Lesungen verhandelt: wer nicht den richtigen "Stallgeruch" besitzt, wird lange lange Wege zurücklegen oder skrupellos werden müssen. Um ein wenig Namedropping zu betreiben: es gibt wenig Gegenwartsautoren und -autorinnen, die interessante Literatur schreiben. Für mich steht derzeit Arnold Stadler unangefochten und integer an der Spitze. Daneben fand ich die Romandebüts von Andi Mayer und Claire Beyer beachtenswert. Durch die Bank Blödsinn dagegen die Fräuleinwunder aus deutschsprachigen Landen, allen voran Zoe Jenny mit ihrem gnadenlos überschätzten Jungmädchen-Tagebuchstuß.

BeZi: Was würden Sie einem jungen Autoren raten, der sein Manuskript veröffentlichen möchte?

Vorsicht beim Klinkenputzen, man verliert sehr schnell seine Würde, seine Integrität und sein Selbstbewußtsein. Daneben gibt´s zwei Faustregeln: 1. Sich seiner selbst und seiner Texte sehr genau und auch sehr kritisch bewußt sein. Dazu gehört eine gute Selbsteinschätzung - die erleichtert vieles, auch die Suche nach dem rechten Verlag. 2. Man muß das Rad nicht neu erfinden. Es macht keinen Sinn, im Kulturbetrieb als Kamikaze-Einzelgänger unterwegs zu sein, gerade wenn man einer Generation angehört, die unter Kohl sozialisiert worden ist. Sich zusammenzutun mit anderen und Austausch zu pflegen, ist vielleicht das wichtigste überhaupt, auch wenn man als Archetyp des Dichters immer noch den Elfenbeinturmhocker im Kopf hat. Das "reale Leben", der Beruf des Schriftstellers, sieht anders aus und erfordert viel Solidarität untereinander. Mein Tipp: Wenn man die Voraussetzungen dafür erfüllt, einem Berufsverband beizutreten, beispielsweise dem gewerkschaftlichen Verband deutscher Schriftsteller, VS. Dort erhält man Rechtsberatung, immens wichtig für Vertragsgespräche, kostenlose Fortbildung, auch das braucht der Schriftsteller, und v.a. viele Tipps und Kniffe von älteren Autoren und Autorinnen, von deren Erfahrungen man profitieren sollte, um nicht immer das Rad neu erfinden zu müssen ... glauben zu müssen...

 


Dieses Interview führte Sabrina Ortmann im Mai 2001. 

Nachdruck und Vervielfältigung - auch auf elektronischem Wege - ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin erlaubt.


 

  


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