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Die Redaktion des Berliner Zimmers präsentiert an dieser Stelle aktuelle Sudeleien aus Jan Ulrich Haseckes Sudelbuch.

Salam Pax, Michael Moore oder wie ich lernte, die Bombe zu basteln

Während des Irakkriegs erregte ein Iraki mit dem vielsagenden Pseudonym Salam Pax einiges Aufsehen im Internet, weil er aus Bagdad bloggte, wie das öffentliche Schreiben eines Tagebuchs im Internet so neudeutsch filigran genannt wird.

Wie kam es zu diesem Ruhm? Im Grunde ganz einfach. Der Irak stand im Mittelpunkt des Weltinteresses, Salam Pax hatte Zugang zum Internet und er war weder ein Anhänger von Saddam Hussein, noch bejubelte er unkritisch die amerikanische Invasion. Dafür brachte Salam Pax das für den Erfolg im Westen so wichtige Quäntchen gemäßigte Exotik mit. Vor allem aber schrieb der Iraki so, dass man ihn verstehen konnte - auf Englisch. Salam Pax bloggte in der Sprache derjenigen, die seine Heimatstadt bombardierten. Die Sprache der Eroberer öffnete ihm das Tor zur Welt, nicht das angeblich so subversive Internet, das die irakische Zensur nicht einfach abschalten konnte. Nun sind seine Tagebucheinträge auch auf Deutsch im Econ Verlag als Buch erschienen: »Let's get bombed: Schöne Grüße aus Bagdad«

Salam Pax soll in Österreich Architektur studiert haben. Sein Online-Tagebuch hätte er also auch in Deutsch verfassen können. Doch ist dies natürlich ein absurder Gedanke! Denn dann hätte er auch gleich auf Arabisch schreiben können! Niemand hätte seine Gedanken über den Irak, über seinen Alltag in der Diktatur im Besonderen und über die arabische und die westliche Welt im Allgemeinen gelesen, wenn er in seiner Muttersprache oder in Deutsch geschrieben hätte, einer Sprache, die er vermutlich ebenso gut beherrscht wie das Englische.

Die multikulturelle Welt kennt nur eine Sprache: Englisch. Das war früher anders. Vor einigen hundert Jahren schrieb man in Europa, wenn man gelesen werden wollte, auf Latein. Heute schreibt man in Englisch, der Sprache der Globalisierung. Ein Phänomen mit Folgen, deren Dimensionen mittlerweile absurde Züge annehmen.

Da verkauft beispielsweise eine englische Kinderbuchautorin in einer Stunde mehr Bücher als die große alte Dame der Kinderbuchliteratur, Astrid Lindgren, in Jahren. Da pilgern abertausend Deutsche zu den Auftritten eines Amerikaners, der aussieht wie einer jener stupid white men, die er in seinem gleichnamigen Buch geißelt, um aus dessen Mund flapsige Sprüche über George W. Bush zu hören. In Englisch natürlich! »Stupid White Man«, die Mao-Bibel der MacDonalds-Generation! Es heißt nicht mehr Marx und Coca-Cola, sondern BigMäc und Michael Moore. Gottseidank schreibt Michael Moore ein Englisch, das man mühelos mit seinen auf einer deutschen Schule erworbenen Fähigkeiten lesen kann. George W. Bush und Michael Moore gibt es, wie die Zwillinge in der Ratiopharm-Werbung, nur als globalisierten Doppelpack. Die Globalisierung exportiert amerikanische Träume und Albträume, man verzeihe das schiefe Bild, in den letzten Winkel unseres Globus. Die Globalisierung ist nicht der Anfang, sondern das Ende der multikulturellen Welt.

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, sagt Wittgenstein. Für Salam Pax persönlich mag die Welt durch die Sprache der Eroberer Bagdads vielleicht größer geworden sein. Für die Leser von Michael Moore und Joanne Rowlings reduziert sie sich auf ein klaustrophobisches Corporate America und ein eben so enges Hogwart. Die Anglisierung unserer Weltwahrnehmung wirkt wie ein Filter, der aus dem Ätherrauschen der Wirklichkeit alle Frequenzen außer einer einzigen herausfiltert. Die Bosse globaler Konzerne und die Globalisierungskritiker sprechen die gleiche Sprache: Englisch.

Bloß die Opfer der Globalisierung bleiben stumm. Sie haben keine Stimme, die außerhalb der Welt, die durch die Globalisierung untergeht, gehört werden würde. Niemand spricht ihre Sprache, die Tag für Tag mehr in Vergessenheit gerät. Und sobald sie anfangen, von ihrer Welt in Englisch zu sprechen, werden sie selbst zum Totengräber ihrer siechen Kultur. Vielleicht kommen kurz vor dem Ende noch ein paar Globalisierungsgegner vorbei, um ihnen eine Stimme zu leihen, damit die Welt dank der globalen Medienindustrie etwas über die sprachlosen Opfer erfährt. Doch eine geliehene Stimme ist wie geliehenes Geld, es macht abhängig und unfrei. Und man muss die geliehene Stimme mit den Zinsen der eigenen Identität bezahlen.

Die einzige eigene Sprache, die den Gegnern der Globalisierung bleibt, um sich in der anglisierten Welt Gehör zu verschaffen, ist die Sprache der Gewalt, die Handschrift des Terrors, wie die lautstarke Prosa von Al Qaida so schön treffend in den Medien bezeichnet wird. Schöne neue Welt!

Im Kinderkanal startet übrigens gerade eine neue Wissenschaftsserie, die als international angepriesen wird, obwohl das ZDF und der WDR bloß Beiträge von National Geographic gekauft haben. Die Serie ist zweisprachig. Sie will unseren Kinder die Welt gleich in der richtigen Sprache erklären: in Englisch. Das ist eine gute Vorbereitung, denn in spätestens 10 Jahren werden die naturwissenschaftlichen Fächer in deutschen Schulen auf Englisch unterrichtet, wie dies in Indien seit Jahrzehnten üblich ist.

Soll ich nun mein Sudelbuch künftig ebenfalls in Englisch schreiben, damit mir die Leser nicht aussterben, oder soll ich lieber im Internet nachschauen, wie man eine Bombe bastelt?

24. November 2003

© Jan Ulrich Hasecke (Alle Rechte vorbehalten.)

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