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Monatlich präsentiert die Redaktion des Berliner Zimmers an dieser Stelle eine Sudelei aus Jan Ulrich Haseckes Sudelbuch.


Das Buch von Jan Ulrich Hasecke
(Link zu Amazon)

Sudelei vom 28. Februar 2001

Bücherwahnsinn! Was kann man ohne Angst noch lesen?

Im Schatten von BSE breitet sich eine andere, ebenfalls tödliche Seuche immer weiter aus. Die Rede ist nicht von der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien und auch nicht von den Hormonen, Psychopharmaka oder Antibiotika im Rinder-, Schweine- und Geflügelfleisch, mit denen unsere Bauern den Wettlauf zwischen Medizinern und resistenten Bakterien ein wenig spannender gestalten wollen. Es geht um BOD (Books on Diarrhoea). Das ist der wissenschaftliche Ausdruck für den Bücherwahnsinn, der unser Land befallen hat.

Kaum im Amt muss sich Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin als Krisenmanager behaupten und BOD bekämpfen, um das Vertrauen der deutschen Leser zurückzugewinnen. Seit der Bücherwahnsinn grassiert, ist die deutschsprachige Literatur auf den Hund gekommen. Die Leser wissen nicht mehr, was sie noch ohne Bedenken lesen können. Aus Angst, sich zu Tode zu langweilen, machen sie um Romane, Gedichte und Sachbücher unbekannter Herkunft einen großen Bogen. Und da mittlerweile sogar namhafte Autoren wie Julian Barnes BOD-positiv getestet wurden, lesen viele Menschen nur noch den Videotext im Fernsehen. Eine Katastrophe für Autoren, Verlage, Großhändler und den Megastore-Buchhändler in der neuen Einkaufspassage.

Alternative Literaturkritiker und Schriftstellerverbände fordern seit Jahren eine Abkehr von der Massenbuchhaltung. Denn angesichts der in Millionenauflage gedruckten Harry-Potter-Bücher sei es kein Wunder, wenn den Lesern allmählich schlecht würde. Doch Verlage und Großhandel kontern, dass eine Rückkehr zum gesellschaftlich relevanten Schriftsteller und Intellektuellen, der in artgerechter Autorenhaltung ohne wachstumsfördernde Mittel großgezogen wird, illusorisch sei. Die Leser wollten seit Jahren leicht konsumierbare Billig-Literatur und dieser Trend drücke eben auf die Kosten bzw. die Honorare.

Wegen des Trends zum Bestsellerautor, der in immer kürzeren Abständen Welterfolge produzieren muss, greift der ein oder andere schon einmal zu illegalen Methoden, um möglichst schnell die Standardseitenzahl eines Bestsellers zu erreichen. Seit Jahren kommen insbesondere zur Frankfurter Buchmesse Zehntausende neuer Titel auf den Markt. Da ist es kein Wunder, wenn die Qualität sinkt. Zwar beteuern die Pressesprecher der Verlage, dass ihre Produkte durch Lektoren regelmäßig kontrolliert würden, doch die freiwillige Selbstkontrolle der Buchindustrie wird seit Jahren heftig kritisiert. Und durch BOD können nun sogar ganz unkontrolliert Bücher auf den Markt kommen, die ohne BOD in der Schreibtischschublade ihrer Erzeuger vergilbt wären. Die Zahlen sind erschreckend. Im letzten Jahr sind jeden Monat 250 neue BOD-Fälle im deutschen Buchhandel registriert worden. Und im Februar dieses Jahres erregte ein besonders krasser Fall von BOD die Gemüter im Literaturcafé.[1] Ein ganzes Internet-Forum mit dem sozialrevolutionärem Titel »Tagebau«, in dem gleich zwei Dutzend Autoren sich verewigt haben, erschien als Buch. Kenner wissen, dass man in einem Internet-Forum ohne gut organisiertes Killfile unmöglich vernünftig lesen kann. Für Bücher steht diese Technologie leider noch nicht zur Verfügung. Das Buch stammt dabei von einem Musterbetrieb [2] und besagtes Internet-Forum wurde im letzten Jahr von einem renommierten Fernsehsender mit einem Innovationspreis ausgezeichnet. Dieser Fall zeigt also, dass selbst familiäre Kleinbetriebe mit kulturnaher Zimmerhaltung kein Garant für Qualität sind.

Die Lage ist ernst: es muss etwas schnell geschehen, will man das Vertrauen der Leser nicht auf Dauer verlieren. Doch wie soll die Wende in der Literaturwirtschaft aussehen? Die Wege, über die BOD in den Lesekreislauf gelangt, sind noch lange nicht alle bekannt und erforscht. Zuerst verdächtigte man Hobbyautoren und verkannte Genies, im Internet auf scheußlich schönen Homepages, in Newsgruppen und Mitschreibprojekten hundsmiserabel schlechte Literatur zu produzieren. Doch seitdem durch BOD die Schreibdiarrhöe auch den Buchmarkt erreicht hat, sind bereits zahlreiche renommierte Verlage als BOD-Überträger identifiziert worden. Während wir die Übertragungswege von BOD wenigstens teilweise kennen, herrscht bei der Einschätzung der Gefahren, die von BOD für Leib und Leben ausgehen, unter den Wissenschaftlern noch weitgehende Ratlosigkeit. Welche Auswirkungen hat BOD auf den guten Geschmack, die Lesefreude und die geistige Gesundheit? Welche Gefahr geht z.B. von der so genannten Separatorenliteratur aus, die aus hochinfektiösen Zweitverwertungsresten der Filmindustrie besteht? Fragen über Fragen!

Da BOD längst ein europäisches Problem ist, hat EU-Kulturkommissarin Gabriele Krone-Schmalz-Jacobson heute Mittag auf einer Pressekonferenz in Brüssel ein 1,5 Milliarden Euro schweres Programm zum Aufkauf von 75 Millionen Büchern vorgestellt. Die Bücher sollen entweder verbrannt oder zu Geschenkpapier verarbeitet werden. Stützungskäufe, so Krone-Schmalz-Jacobson, seien zur Marktbereinigung unumgänglich.

Die betroffenen Schriftsteller sind entrüstet. Es sei unmoralisch, sagen sie, Bücher zu schreiben, um damit Schmuck, Weinflaschen und Musik-CDs einzupacken oder Fernheizungen zu betreiben. Julian Nida-Rümelin will daher das EU-Programm modifizieren und schlägt vor, die Bücher zur Pflege der Deutschen Sprache nach Nord-Amerika zu schicken. Schließlich käme dort niemand auf die Idee, ein deutschsprachiges Buch zu erwerben, geschweige denn zu lesen.

Die Schriftstellerverbände haben bereits Zustimmung signalisiert. Sie ziehen Stützungskäufe generell der vielerorts geforderten Keulung von BOD-infizierten Autoren vor. Leservereinigungen fordern dagegen zum Schutz der Leser stärkere Kontrollen durch das Marcel-Reich-Ranicki-Institut sowie die Einrichtung eines bundesweiten BOD-Frühwarnsystems. Die Gesellschaft zur Rettung der alten Rechtschreibung hat in der FAZ gefordert, die Rechtschreibreform rückgängig zu machen, da sie mitverantwortlich für die heutige Misere sei.

Angesichts der trüben Stimmung unter Literaten kann man also eine erste Zwischenbilanz des BOD-Skandals ziehen. Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Solingen, den 28. Februar 2001

© Jan Ulrich Hasecke (Alle Rechte vorbehalten.)


 

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