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Die Redaktion des Berliner Zimmers präsentiert an dieser Stelle aktuelle Sudeleien aus Jan Ulrich Haseckes Sudelbuch.

Die geheimen Freuden des Paolo Pinkel

Es gibt Decknamen, die muss man sich auf der Zunge vergehen lassen.

Wenn Sie, lieber Leser, was ich Ihnen niemals unterstellen würde, für RTL oder Schlimmeres eine Schmierenkomödie über die geheimen Freuden eines eitlen Showmasters schreiben wollten, der zum allem Übel auch noch CDU-Mitglied und Vizepräsident des Zentralrats der Juden ist, würden Sie dann den schillernden Protagonisten nicht sehr viel eher Paolo Pinkel nennen als Michel Friedmann? Passt doch weder der biedere Vorname Michel noch der nette Nachname Friedmann so recht zu einem Mann, dessen Fernsehshow den vielsagenden Titel »Vorsicht! Friedmann« trägt und der nun in der aktuellen Politsatire des diesjährigen Sommertheaters die Hauptrolle spielen wird.

Die bisher nur in Ansätzen erkennbaren Verwicklungen des Geschehens, in dessen Verlauf es zunächst bloß um drei szenetypische Tütchen ging, lassen ein Stück erwarten, das aus der Feder des koksenden Rainer Werner Fassbinders stammen könnte, wenn er auferstehen würde und eine zeitgemäße Fortsetzung seines Skandalstücks »Der Müll, die Stadt und der Tod« auf die Bühnen bringen wollte. Regie führt in der grotesken Satire bisher die Berliner Justiz, die aus Gründen, die nur sie kennt, die Frankfurter Justiz nicht über die geplanten Hausdurchsuchungen informiert hat. Worüber die Frankfurter natürlich hellauf entrüstet sind. Ob aber die drei szenetypischen Tütchen auch gefunden worden wären, wenn die Frankfurter Justiz vorab über die Durchsuchungen informiert gewesen wäre, können wir nur vermuten.

Doch als sei die Vorstellung eines Friedmanns, der sich in der Garderobe eine Line reinzieht, bevor er seinen Gästen in seiner Show auf den Schoß rutscht, nicht genug, nun müssen wir auch noch erfahren, dass dieser Showmaster, Politiker und Religionsfunktionär unter dem Namen Paolo Pinkel bei einem Berliner Mädchenhändlerring des öfteren erotische Dienstleistungen bestellt und erhalten haben soll. Paolo Pinkel: diesen Deckname muss man sich einfach auf der Zunge zergehen lassen!

Wir sind weit entfernt, ihn dafür zu tadeln. Aber wir nehmen doch überrascht zur Kenntnis, dass der hedonistisch schmerzfreie Lebenswandel des Paolo Pinkel alias Michel Friedmann offensichtlich nicht das religiöse Empfinden der jüdischen Gemeinde verletzt, hat doch der Präsident des Zentralrats der Juden erklärt, dass Michel Friedmann, wenn er denn das, was ihm vorgeworfen wird, getan haben sollte, dies als Privatmann getan habe. Bedeutet dies nun, dass gläubige Juden qua Amt zwar ihre Religion ausüben, als Privatmann aber, so wie Schüler an heißen Tagen schulfrei haben, von den Obliegenheiten ihrer Religion dispensiert sind? Nach der landläufigen Meinung hierzulande ist die Religion Privatsache, sodass jeder in seiner Freizeit glauben darf, was er will, wenn er nur in der übrigen Zeit ein anständiger Mensch ist. Ist es für den Zentralrat der Juden gerade umgekehrt? Darf dort jeder in seiner Freizeit tun, was er will, wenn er nur in der übrigen Zeit ein anständiger Jude ist? Welch überraschende Toleranz! Davon sollten sich unsere Kirchen, die ihren Schäfchen bis ins Privatleben hinein nachstellen mal eine Line reinziehen.

Da ist die christliche Partei, in der Paolo Friedmann Mitglied ist, schon wesentlich weiter. Sie schreibt ihren Mitgliedern, genügend Bimbes vorausgesetzt, längst keinen gottgefälligen Lebenswandel mehr vor. Ein korrekt sitzender Anzug und ein wenig Haargel reichen vollkommen aus.

Als wirklich prekär wird die Lage Friedmanns nur im Zusammenhang mit seiner egomanischen Fernsehsendung betrachtet, woraus ersichtlich wird, dass die Medien in unserem Lande die Rolle von Kaiser, Papst und Biedermann übernommen haben. Bis zur Klärung der Vorwürfe muss sich vorerst kein Politiker mehr von Michel Friedmann angrapschen lassen. Wie lässt sich Friedmann auf der Homepage des Hessischen Rundfunks feiern? »Mit pointierten Fragen will Friedmann die Widersprüche und die Heuchelei aufdecken, die sich hinter den Erklärungen der Politiker verbergen. Das Publikum dankt es ihm, wenn er wieder einmal nachhakt und hartnäckig bleibt, bis er eine befriedigende Antwort bekommen hat.« Wer weiß, vielleicht sehen wir Friedmann ja bald in einem Streitgespräch mit sich selbst. Zwei Friedmanns, die sich in den verschlungenen Sesseln selbst gegenüber sitzen und aneinander herumfummeln. Da können Michel und Paolo dann stundenlang Heucheleien aufdecken und nachhaken, bis sie sich mit ihren eigenen Antworten selbst befriedigt haben.

Oder Friedmann kriecht in der Talkshow seiner Lebensgefährtin Bärbel Schäfer zu Kreuze. Dieser Frau gewordene Inbegriff nachmittäglicher Brüllshows dürfte sich im Moment vor Interviewanfragen kaum noch retten können. Vielleicht erwägt sie sogar schon wie Hillary Clinton ein Buch über ihren Paolo zu schreiben. Die Grotesken, die das Leben schreibt, sind unüberbietbar.

Als ich das erste Mal von den drei szenetypischen Tütchen hörte, musste ich sofort an Jürgen W. Möllemann denken. Wenn er doch seinen großen Sprung in eine andere Welt nur um wenige Tage verschoben hätten. Vielleicht hätte er aus dem Fall seines Gegenspielers so viel hämische Genugtuung geschöpft, dass uns die schale Tragödie seines ungebremsten Falls erspart geblieben wäre.

Dagegen muss man jetzt fürchten, dass einer von beiden, Michel Friedmann oder Paolo Pinkel, sich an Möllemann ein Beispiel nimmt und ebenfalls vorzeitig, unvorhergesehen und freiwillig aus dem Leben scheidet. Immerhin sind die beiden genau wie Möllemann vorerst einmal im sonnigen Süden abgetaucht.

Doch wir wollen uns den Spaß an dieser mitreißenden Kolportage nicht nehmen lassen. Alles in allem dürfte das Stück, das ja gerade erst angefangen hat, äußerst unterhaltsam werden. Lehnen Sie sich also entspannt zurück, verpassen Sie keine Folge und freuen Sie sich auf weitere Details aus dem aufregenden Leben des Paolo Pinkel.

Solingen, den 16. Juni 2003

© Jan Ulrich Hasecke (Alle Rechte vorbehalten.)

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