3.2. Computerliteratur
"Online-Texte glänzen weniger durch
stilistische und rhetorische Figuren oder den Gebrauch metaphorischer Formulierungen,
sondern eher durch kontextbezogene Aktivitäten, durch Hin- und Herschalten zwischen
verschiedenen Ebenen, Querverbindungen, Schnelligkeit des Austausches - sie thematisieren
den Raum zwischen verschiedenen Text-Fragmenten - inszenieren und bearbeiten
intertextuelle Strukturen." (Heiko Idensen: Die Poesie soll von allen
gemacht werden!).
Computerliteratur meint hier Texte,
die mit dem oder für den Computer erstellt wurden und ohne ihn nicht gelesen werden
könnten.Computerliteratur kann auf Diskette, CD-ROM und im Internet publiziert werden.
Von der unten beschriebenen Netzliteratur unterscheidet sie sich insofern,
als daß sie im Netz zwar publiziert werden kann, aber eben auch ohne Netz funktioniert.

3.2.1. Hyperfiction
"A hypertext ist like a printed book
that the author has attacked with a pair of scissors and cut into convinient verbal sizes.
The difference is that the electronic hypertext does not simply dissolve into a disordered
bundle of slips, as the printed book must. For the author also defines a scheme of
electronic connections to indicate relationships among the slips." (Jay
David Bolter)
Die Entwicklung und Funktionsweise von
Hypertext wurde in Kapitel 2 bereits dargestellt. Hyperfiction, elektronische Literatur,
setzt die Möglichkeiten von Hypertext für kreative Zwecke ein (Ruth Nestvold).
Das Besondere an Hyperfiction ist, daß sie dem Leser durch Verzeichnisse oder Links
ermöglicht, zwischen einzelnen Wörtern und weiterführenden Abschnitten mehr oder
weniger frei zu navigieren. Das Prinzip, dem Leser die Möglichkeit zu geben, an
verschiedenen Stellen des Buches weiterzulesen, wird aber schon lange in der Literatur
eingesetzt:
"Eine andere extreme Grenzerfahrung
narrativer Struktur-Spiele bietet Julio Cortázars Roman Rayuela, der dem Leser einen
Wegweiser ausdrücklich verschiedener Lese-Wege durch den Text anbietet und ihn wirklich
zum Hin- und Herblättern verführt - u.a. drängen programmierte Endlosschleifen den
Leser zu eigenen Entscheidungen." (Heiko Idensen)
Ruth Nestvold zieht eine Parallele von
Hyperfiction zu den literarischen Experimenten von James Joyce und Alfred Döblin: "Mit
Hypertext wird die zeitliche Abfolge im Erzählen aufgebrochen und die Autorität des
Autors untergraben."
Hyperfiction setzt nun diese Idee mit Hilfe
des Mediums Computer um, denn Computer und Internet stellen aufgrund ihrer technischen
Möglichkeiten ideale Publikationsmedien für Hypertexte dar. Neu ist dabei das Erscheinen
des Textes auf dem Monitor und die Bewegung des Lesers im Text mit Hilfe von Maus und
Tastatur. Umständliches Hin- und Herblättern entfällt; der Leser erreicht die
ausgewählte Verknüpfung direkt und unmittelbar.
Greg Maier teilt die Hyperfiction in vier Kategorien ein:
"We have devided hyperfiction into
four standard categories: Classic, Modern, Choose-Your-Own-Adventure and Collaborative."
Klassische Hyperfiction bezeichnet
nach dieser Einteilung einfache, textzentrierte Fiction wie das Hyperpoem des Schweizers Gregor F Lüthy auf den Internet-Seiten der Poetry
Company. Das Hyperpoem beginnt mit dem englischsprachigen
Hinweis:
" This is a hypertext poem!
enjoy
you won't get out of here!
If you really want to
get out
you have to use
the back-button of your browser
enter"
Durch Anklicken des unterstrichenen
Wortes enter erreicht der Leser die nächste Seite des Gedichtes, auf der bereits
vier markierte Worte, bzw. Wortteile zur Verfügung stehen:
" kein schlaf. nirgends.
einer wird alle im
tv-gebläuten rauch
traumlos bleibt auch
diese nacht"
Moderne Hyperfiction legt mehr
Wert auf die Präsentation, d.h. sie enthält Farbe, Bilder oder andere
Multimedia-Elemente. Ein Beispiel hierfür ist "Der
begehbare Roman" von Olivia Adler. Diese Geschichte
wird nicht mehr nur einfach erzählt, sondern ist als Hypertext-Labyrinth mit aufwendiger
Grafik konzipiert und der Text wird mit Illustrationen und Tönen aufgelockert. Dieser
Roman ist eine Kreuzung zwischen Computerspiel und Comic, der aber seine textliche
Herkunft nicht verleugnen kann. Der Leser wird in unterschiedlicher Weise mit einbezogen:
er muß zum Beispiel Rätsel lösen und recherchieren, er kann an einem Chat teilnehmen,
Nachrichten an einem Messageboard hinterlassen und lesen sowie dem Autor per Email oder
Formular Feedback geben. "Der begehbare Roman" könnte deshalb im Prinzip auch
als Adventure Hyperfiction bezeichnet werden.
Adventure Hyperfiction setzt den Leser an die Stelle des Protagonisten. Ein
frühes, sehr bekanntes Beispiel ist die Text-Adventure "Zork", die noch auf
Diskette verbreitet wurde. Adventure-Hyperfiction funktioniert nach dem Prinzip der
Adventure-Games und basieren wie sie auf dem Prinzip des Labyrinths: Der Leser, bzw.
Spieler tritt, interaktiv in die simulierte Szenerie ein und löst zum Beispiel Rätsel.
Kollaborative Hyperfiction haben nicht einen Autor, sondern entweder mehrere oder
sie ermöglichen es sogar jedem Leser, die Geschichte weiter zuschreiben oder zu
verändern.
Es gibt eine lebhafte theoretische Diskussion darüber, ob Hyperfiction die Begriffe Autor
und Leser auflöst. Zum Beispiel wird immer wieder das Verschwinden des Autors
konstatiert, da er seine Autorität abgebe, indem er es dem Leser ermöglicht, den Text
durch Auswahl der Links quasi selber zu schreiben, bzw. den bestehenden Text zu
verändern. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß es immer noch der Autor bleibt, der
über die "Freiheit" seiner Leser entscheidet, indem er die möglichen
Verknüpfungen auf der Programmierebene festlegt und die Bewegungsmöglichkeiten im Text
dadurch schon im Vorfeld bestimmt (jeder Hypertext besteht aus zwei verschiedenen
Texten: dem, der auf dem bildschirm zu sehen ist und dem Programmtext. Ersterer ist den
Optionen des Programms unterstellt. Auf diesen Programmtext, in dem der Autor die
Verknüpfungsmöglichkeiten festlegt, hat der Benutzer gewöhnlich keinen Zugriff).
In den meisten Fällen erlauben die Autoren auch keine Veränderungen an ihrem Text; die
einzige Freiheit des Lesers besteht in der Wahl unter verschiedenen zu Verfügung
stehenden Links. Nur ganz wenige Autoren von Hyperfiction erlauben es den Lesern, den Text
selbst zu verändern. Diese Möglichkeit von Computerliteratur nutzt zum Beispiel Jay
David Bolter in seinem Hypertext "Writing Space: The Computer, Hypertext and the
History of Writing".

3.2.2. Multimediale Literatur
Zur Computerliteratur gehören auch
multimediale Literaturprojekte im Netz, wie die zahlreichen Beiträge zum
Internet-Literaturwettbewerb der ZEIT und IBM Deutschland Pegasus 1997.
Die 163 eingereichten Beiträge können auf der Internetseite des Pegasus angesehen
werden. Hierbei werden vor allem die technischen Möglichkeiten des Computers und des
Internets als Stilmittel benutzt. Das heißt, es werden zum Beispiel neben Links auch
Klänge, Videos oder Bilder eingebaut, Seiten können automatisch weiter geschaltet
werden, oder der Text läuft über den Bildschirm, ohne daß der Leser eingreifen kann.
Letztgenannte Möglichkeit nutzt zum Beispiel die Gewinnerin des Pegasus 1997, Susanne
Berkenheger, in ihrem Beitrag "Zeit für die Bombe".
"Hypermedia ist die Ausdehnung dieses Prinzips
(Hypertext) in ein Interface zu Medien wie Video, Tonträger, CD in ein
Hyper-Media-Verbundsystem, das Konzepte für die Verbindung verschiedener künstlerischer
Ausdrucksträger ermöglicht." (Heiko Idensen)
Nach der oben zitierten Definition von Oliver
Gassner gehören diese Projekte nicht wirklich zur Netzliteratur, da sie wie Hyperfiction
auch ohne das Netz, z.B. auf CD-ROM, funktionieren (so sind zum Beispiel die
Beiträge des Pegasus 1997 auf CD-ROM publiziert worden). Auf jeden Fall können
sie aber als Computerliteratur bezeichnet werden, da sie speziell für dieses Medium
entwickelt wurden und ohne Computer gar nicht existent wären. Bei multimedialer
Computerliteratur wird der Autor zum Multi-, bzw. Multimediatalent. Viele dieser Projekte
sind aber auch Gemeinschaftswerke. In diesem Fall arbeiten zum Beispiel ein Autor, ein
Programmierer und ein Graphiker zusammen.

3.3. Netzliteratur:
Kollaborative Schreibprojekte und Wandertexte
"Schreiben im Netzwerk hat nicht im
klassischen Sinne mit Literatur zu tun - als System - Autor - Werk - Bedeutung -, sondern
damit, Neuland im telematischen Raum zu vermessen, Textlandschaften anzulegen, Schreiben
und Lesen eben auch als einen nomadischen Akt des Umherschweifens durch Text-Netzwerke zu
begreifen. Die zusätzlichen Dimensionen des hypertextuellen Zusammenschnitts
verschiedener Textpartikel, die durch permanentes Up- und Downloading zwischen
verschiedenen Orten im Netz zirkulieren, setzen die geistige Arbeit der Textproduktion als
soziales Netzwerk frei. Diese Textpartikel können an jeder Stelle unterbrochen,
zerrissen, verändert (und wieder verschickt) werden - während sie gleichzeitig durch das
Netzwerk zusammengehalten werden - und ununterbrochen aufeinander verweisen." (Idensen,
Die Poesie soll von allen gemacht werden!)
Kollaborative Schreibprojekte nutzen vor
allem die kommunikativen Möglichkeiten des Internets. Sie haben nicht einen Autor,
sondern entweder mehrere, oder sie ermöglichen es sogar jedem Leser, die Geschichte
weiter zu schreiben. Viele dieser Projekte befinden sich auf festen Internetseiten und
sind jedem zugänglich. Der Leser kann hier zum Autor werden, indem er an einer beliebigen
Stelle den Text weiter schreibt.
Ein Beispiel hierfür ist der interaktive Netzroman "Die Säulen von Llacaan". Dieser Roman ist
Teil des Projektes NetzWerke von Roger Nelke, welches eine
Sammlung interaktiver Projekte werden soll. Die "Säulen von Llacaan"
haben ein Fantasy/Parallelwelt-Thema. Das Projekt ist als Netzroman konzipiert,
wobei "Netz" sowohl für die Form als auch für das Medium steht. Ausgangspunkt
sind drei Startgeschichten die Roger Nelke vorgegeben hat. Von da an kann jeder, der will
eine Fortsetzung schreiben, entweder zu einer der Startgeschichten oder zu einer
beliebigen anderen Folge. Wer will kann auch am Ende seiner Folge auf eine andere
Geschichte linken. Dadurch entsteht ein Netz von Geschichten durch das sich die Leser
klicken können.
Mittlerweile sind es 54 Folgen (Stand: 11. Juli 1998) die teilweise ganz unterschiedliche
Geschichten erzählen. Es sind aber ein paar Hauptstränge zu erkennen die teilweise auch
durch das Zusammenwachsen von verschiedenen Strängen entstanden sind.
Allerdings ist es bei den meisten Projekten dieser Art nicht möglich, den Text direkt in
die WWW-Seite zu schreiben oder bereits bestehenden Text zu verändern, wie es sich Tim
Berners-Lee ursprünglich vorgestellt hatte:
"Ich wollte, daß jeder im Netz
Daten nicht nur lesen, sondern daß sie jeder andere auch verändern oder ergänzen kann."
Der Beitrag muß gewöhnlich per Email oder
Formular an den Besitzer der jeweiligen Homepage gesendet werden. Dieser fügt ihn
daraufhin in das Projekt ein.
Auch die sogenannte Wandertexte, wie zum Beispiel das Schreibprojekt "textra"
der Mailingliste Netzliteratur oder "Baal lebt" gehören zu den kollaborativen Schreibprojekten.
Wandertexte werden per Email von einem Autor zum nächsten geschickt, von diesen wie bei
"textra" nach teilweise festen Regeln verändert und wieder an den nächsten
Autor weitergeleitet. Da die Texte in elektronischer Form vorliegen, können sie am
Computer leicht an jeder beliebigen Stelle verändert werden. Hier ist es möglich und
erwünscht, bestehenden Text zu verändern; es kann sogar mitten in einem Wort etwas Neues
eingefügt werden. Textra ist aber nicht für alle offen, es dürfen nur Teilnehmer der Mailingliste Netzliteratur daran mitschreiben.
Legen wir die oben zitierte Definition von Oliver Gassner zugrunde, so handelt es sich nur
bei diesen von "vernetzter Kommunikation" bestimmten Mitschreibprojekten um
Netzliteratur.
Diese Idee ist aber ebenfalls nicht neu. Zum Beispiel erschien bereits 1909 "Der
Roman der XII", ein kollaborativer Roman, an dem 12 Autoren mitwirkten.
"Neu ist allein die konkrete
Zusammenschaltung sämtlicher Lese- und Schreibvorgänge im Netz auf einer einzigen
Oberfläche." (Idensen: Die Poesie soll von allen gemacht werden!)
Einen neuen Aspekt sehe ich darüber hinaus
nur bei den für alle offenen kollaborativen Schreibprojekten im Netz wie den
"Säulen von Llacaan", da sich hier die Begriffe von Autor und Leser auflösen
und jeder Leser potentieller Autor ist.
Neu an Wandertexten wie Textra ist die Möglichkeit, den bestehenden Text zu verändern.

4. Neue Literaturformen durch Netzautoren
?
Nutzen nun die Autoren im Netz die
Möglichkeiten dieses neuen Mediums, um neue Formen von Literatur zu entwickeln? Auf den
ersten Blick sieht es eher nicht so aus. Generell scheint sich das Medium Internet zur
Zeit eher negativ auf das Niveau der Literatur auszuwirken: Oft wird mehr Wert auf die
technischen Finessen als auf den Inhalt und die Qualität und Lesefreundlichkeit der
Angebote Wert gelegt.
"Er ist im Netz der Netze noch nicht
aufgetaucht, der Online-'Ulysses'. Das hypermediale Großwerk, das seinen staunenden
Lesern, Betrachtern und Hörern 24 Stunden Erlebniszeit anbietet und abzwingt. Das alle
Alltagsgeschäfte und physischen Bedürfnisse ebenso vergessen läßt wie das Tränen der
Augen vor dem leise flimmernden Bildschirm und das Ticken des Zählers bei der Telekom.
Ein Werk, von dessen Existenz vielleicht anfänglich nur eine Gemeinde von Spezialisten
weiß, das dann aber mit großem Getöse alle Feuilletons loben, preisen, sezieren und
bekämpfen." (Herrmann Rotermund)
Ein solches Werk ist bisher am Datenhorizont
wohl wirklich weit und breit nicht zu sehen. Die Homepages der meisten Autoren nutzen das
WWW lediglich als weiteres Medium zur Veröffentlichung für konventionelle Prosa und
Lyrik.
Ebenso verhält es sich mit den online publizierten Literaturmagazinen. Die zusätzliche,
meist nur teilweise Veröffentlichung bereits offline erschienener Ausgaben dient wohl in
erster Linie der Werbung für das jeweilige Magazin. Reine Online-Magazine unterscheiden
sich meistens kaum von herkömmlichen Literaturmagazinen. Auch die Online-Magazine
publizieren in der Regel in einsamer Heimarbeit produzierte sequentielle Texte und
schenken der eigentlichen Netzliteratur zu wenig Aufmerksamkeit. Und das, obwohl die
Gattung Hyperfiction nun bereits fast 30 Jahre alt ist.
Wie der Ausgang des Internet-Literaturwettbewerb der ZEIT und IBM Deutschland
"Pegasus 1997" zeigte, hat sich offensichtlich auch im Bereich
"Multimediale Literatur" nichts wirklich Neues herausgebildet. Die Jury vergab
aus diesem Grund keinen ersten Preis, sondern zwei zweite. Ziel des Wettbewerbs war es,
die ästhetischen und technischen Mittel des Internets einzusetzen, "um Sprache zu
gestalten und neue Ausdrucksformen zu entwickeln." (Homepage der Softmoderne)
Wie sieht es nun mit der sogenannten Netzliteratur aus? Kollaborative Schreibprojekte gab
es schon viele Jahre vor dem Internet.
Im Netz wirken Mitschreibprojekte zunächst neu und reizvoll. Es ist aber meiner Meinung
nach zweifelhaft, ob auf diese Weise literarisch interessante Texte entstehen, denn der
Reiz liegt hier wohl eher im Mitschreiben denn im Lesen. Daher sollte man heutige
kollaborative Schreibprojekte wohl eher als spielerisches Experiment betrachten und nicht
als ernstzunehmende literarische Form. Die Motivation der Autoren liegt hier wohl mehr in
dem Bedürfnis, selbst etwas zu schaffen und zu veröffentlichen als in dem Willen,
gemeinsam mit anderen einen literarisch interessanten Text zu erarbeiten.
"Die Webliteratur nutzt die
multimedialen Möglichkeiten des Mediums und ist im Gegensatz zur anderen Form nur mit
Einschränkung in Printmedien publizierbar. Das scheint ihr eine gewisse Überlegenheit
gegenüber der anderen Form zu geben. Aber das scheint eben nur so. Was wir vorfinden sind
in erster Linie experimentelle Texte, die zum Teil sogar das Medium als Thema tragen.
Diese Texte stehen in einer langen Tradition von Mallarmé bis Jandl und beim Leser
entsteht ständig das Gefühl eines Déjavu.
Mich kann diese Art der Literatur selten begeistern. Aber ich kann nachvollziehen, daß es
Spaß macht, experimentelle Texte zu erstellen." (Enno
E. Peter)
Die Wandertexte bieten nur insofern einen
neuen Aspekt, als daß die Autoren bereits bestehenden Text auch mitten im Wort verändern
können. Von einer neuen Gattung kann auch hier nicht gesprochen werden.
Vielleicht ist es aber auch noch zu früh, nach der einen, großen, neuen Gattung im World
Wide Web zu suchen, denn es "befindet sich in bezug auf seine Techniken und vor allem
in bezug auf seine Inhalte noch in den Kinderschuhen" (Herrman Rothermund).
Daher ist es eigentlich kein Wunder, daß vieles was im Netz entsteht noch einen sehr
konventionellen Eindruck macht.
Immerhin hat sich durch dieses neue Medium für die ihm eigene Literatur bereits eine
Menge verändert.
Ein neuer Aspekt ergibt sich zum Beispiel durch die Schnelligkeit und die
"Wahllosigkeit" der Veröffentlichungen. Die bekannten Barrieren Herausgeber,
Druckkosten und Vertriebsprobleme fallen weg.
Im konventionellen Literaturbetrieb können vom Zeitpunkt der Einsendung eines
Manuskriptes bis zum Tag der Veröffentlichung leicht Jahre vergehen, vorausgesetzt das
Manuskript wird überhaupt gedruckt. Im WWW kann ein Text, kaum daß er fertig geschrieben
ist, sofort mit wenigen Mausklicks veröffentlicht werden. Dadurch ergibt sich eine bisher
nicht dagewesene Vielfalt und Dynamik.
Hier stellt sich die Frage, ob sich der Begriff "Autor" durch seine
inflationäre Verwendung im Netz verändert. Gibt es überhaupt noch Autoren, wenn alle
potentielle Autoren sind?
Einen neuen Aspekt sehe ich auch in der Möglichkeit des schnellen und direkten
(internationalen) Austausches sowohl zwischen Autoren als auch zwischen Autor und Leser.
Ein digitalisierter Text kann problemlos jederzeit verändert werden. Daraus ergibt sich
für die Leser die bisher nicht dagewesenen Möglichkeit, Einfluß auf die Autoren und
deren Texte zu nehmen.
Eine neue Aufgabe der Autoren im Netz dürfte es sein, ein Publikum für ihre Werke zu
finden, d.h. Aufmerksamkeit zu erregen. Denn was nützen die besten Gedichte, wenn sie in
der unüberschaubaren Flut von Autoren-Homepages untergehen und keine Leser finden?
Vielleicht sollten die Autoren im Netz dabei mehr an die Bedürfnisse der Leser denken.
Vielleicht sollte der Weg wieder weg führen von hypermedialen Spielereien, die die
Aufmerksamkeit auf sich (und von den Texten weg) ziehen, die Ladezeiten verlängern und
den Inhalt einer Webseite in den Hintergrund treten lassen. Vielleicht sollten die Autoren
sich fragen: was ist denn wirklich "webgemäß" und lesergerecht? Die Antwort
könnte sein: Qualitativ gute, schnell zu erfassende Texte auf übersichtlichen Seiten mit
kurzen Ladezeiten.
Mit der Anpassung der Texte an die Restriktionen des Mediums könnte sich - unter
Umständen zunächst ganz unbemerkt - eine neue Literaturgattung entwickeln.

Mailingliste
Netzliteratur:
"Die Mailingliste
"Netzliteratur" diskutiert sowohl die Formen von Literatur im Netz als auch die
Entwicklungen, die das Netz im sprachlichen und literarischen Teil nach sich zieht. Dabei
geht es um Literatur, die dem Netz adäquat ist, nicht um Papier-Literatur, deren einziger
netzliterarischer Vorzug es ist, per FTP ihren Ort im Netz gefunden zu haben. Themen der
Mailingliste sind unter anderem die Kommunikation von Mensch und Maschine, von Produzent
und Benutzer, das Verhältnis von Grafik und Text und die Rolle, die diese besondere Form
der Text/Bild-Betrachtung innerhalb der Literatur und innerhalb des Netzes spielt und
spielen könnte. Zudem bildet die Mailingliste ein Forum für Menschen, die im Netz (und
nicht nur im WWW) literarisch arbeiten." (8/98)
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